Du bist doch kein Klavierlehrer!

Improvisation im Klavierunterricht mit Kindern

(Erstveröffentlichung in Ringgespräch LVII, Juni 1993 “Improvisation im Instrumentalunterricht”)

I.

„Improvisieren im Klavieruntericht mit Kindern? Aber ja! Das ist doch pädagogisch so wertvoll: es fördert die Unbefangenheit, das spielerische Herangehen, die Phantasie-Entfaltung und auch die am Anfang so wichtige Ausbildung grobmotorischer Fähigkeiten. Und vor allem macht es den Kindern ja so großen Spaß!“
Stimmt eigentlich alles. Oder?
Wird auch häufig so praktiziert: Improvisation als Einstiegs-Bonbon sowie als pädagogisches Mittel für allerlei bedenkenswerte Qualitäten, sozusagen als spielerischer Erwerb zweitrangiger Fähigkeiten. Danach geht’s natürlich an den „richtigen“ Unterricht: Notenlesen im 5-Ton-Raum etc. pp., wurde schon immer praktiziert, ist also unverzichtbar.

Wann aber geht es endlich einmal um Musik? Das Notenspielen im 5-Tonraum ist keine!  Eher eine musikalische Zumutung für die Kinder (meine Schüler lehnten es meist ab). Gerade hier aber liegt doch eine große Qualität von Improvisation: es wird von Anfang an musiziert! Darin besteht überhaupt der allererste und allerwichtigste Sinn von Improvisation: eine Musizierpraxis zu sein, die keiner anderen Rechtfertigung bedarf als der, gute Musik zu schaffen. Dabei sei keinesfalls verleugnet, dass viele Praktiken der Improvisation ursprünglich auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit, gerade bei Kindern, abzielen, wie Lilli Friedemann das in der Einleitung ihres Buches „Einstieg in neue Klangbereiche…“ sehr ausführlich und eindrücklich beschrieben hat.
Wirklich ernst nehmen wird man solches Improvisieren aber erst dann, wenn deutlich ist, dass es musikalische Substanz aufweist. Genau das behaupte ich und will es im folgenden näher ausführen.

Dabei wähle ich zunächst den Bereich der spielerisch-experimentellen Improvisation, die auf Metrik und organisierte Tonhöhen verzichtet. Gerade deshalb ist das Vorurteil groß, die Ergebnisse seien musikalisch irrelevant. Das Problem liegt m.E. aber eher darin, dass die meisten Musikpädagogen mit diesem Stil nicht vertraut sind, weil selbst an Musikhochschulen die Neue Musik häufig ein Stiefkind ist. Für meine eigene Erfahrung dagegen ist typisch, dass z.B. beim letztjährigen Klaviervorspiel meiner Schüler die experimentelle Improvisation eines Kindes über drei gemalte Bilder eine der musikalisch überzeugendsten Darbietungen war!
Allerdings ist es notwendig, sich klarzumachen, was die Gestaltungsmittel solcher Musik sind, die auf herkömmliche Muster so ganz verzichtet. Dies sei in einem kurzen Überblick versucht.

1. Das musikalische Material

Entscheidend für den Einstieg in das spielerisch-experimentelle Musizieren ist die Erkenntnis, dass Musik nicht nur aus Melodik, Harmonik und Rhythmen gewohnter (metrischer) Art bestehen muss, sondern dass es auch ganz andere, „unerhörte“ Musik gibt. Das Material solcher Musik wird spielend erfahren:

Klang als Material:

Spiele-Beispiel 1: BILDER MALEN (für 2 Spieler)
Vielleicht habt ihr in der Schule einmal ausprobiert, mit Wasserfarben auf ganz nassem Papier zu malen: dann zerfließen alte Farben ineinander. Ähnlich ist es, wenn du am Klavier das rechte Pedal drückst. Versuche einmal, dazu verschiedenen „Farben“ zu spielen: einen riesigen dunklen Fleck, einen grellen Strich, einen ganz zarten Tupfer usw. Malt euch nun gegenseitig Bilder vor. Einer drückt mit dem Fuß das Pedal und schließt die Augen. Der andere „malt“ dazu ein „Bild“ auf dem Klavier, das nur aus Farben besteht. Am Ende berichtet der Erste, was er gehört hat.

Ohne dass es nötig wäre, abstrakt darüber zu sprechen, werden die verschiedenen Dimensionen von Klang erforscht: hell dunkel, laut leise, schrill zart, viele Töne, wenige Töne, enge Tongruppen, weite Tongruppen etc.

Bewegung als Material

Spiele-Beispiel 2: TIERSCHRITTE (für 2 Spieler)
Ein Spieler spielt dem anderen Tierschritte vor: entweder die eines Elefanten oder die einer Maus. Der andere Spieler rät, welches Tier gemeint ist. Dann kommen die Schritte eines Pferdes oder einer Ente. Und danach… aber ihr habt sicher selbst genügend Ideen.

Dieses Spiel ist allseits bekannt und verbreitet. Nach meiner Beobachtung wird es aber stets nur zum lockeren Ausprobieren grobmotorischer Bewegungsvorgänge eingesetzt (wofür es zugegebenermaßen gut geeignet ist!). Dass die musikalische Bewegung zu den Grund-Bausteinen experimentellen Spielens gehört, gerät dabei leider meist in den Hintergrund.
Bewegungs-Dimensionen im Spiel zu erfahren, ist ein wichtiger Lernvorgang: schnell langsam, am selben Ort, allmähliche Ortsveränderung, krasse Ortsveränderung, kurze Bewegung, lange Bewegung, andauernde Bewegung, unterbrochene Bewegung usw.

2. Die Gestaltung des Materials

Klang und Bewegung treten natürlich nie einzeln auf. Zur zielgerichteten Gestaltung einer Einheit von Klang und Bewegung ist das assoziative Improvisieren gut geeignet, sofern es hilft, die Kinder zu charakteristischer Musik zu animieren. Beispiele: Handpuppen raten, Landschaften raten, vorgegebene Situationen raten etc.
Eines der beliebtesten Spiele meiner Klavierschüler ist:

Spiele-Beispiel 3: MÄRCHEN ERFINDEN (für 2 Spieler)
Einer ist Klavierspieler und sucht 4 – 5 Handpuppen als Personen eines Märchens aus. Der andere Spieler muss daraus spontan ein Märchen erfinden, in dem Stimmungen (Frühlingsmorgen, düstere Nacht,…), Landschaften (Blumenwiese, finsterer Wald,…) und die ausgewählten Figuren vorkommen, die vom Klavierspieler musikalisch dargestellt werden.

3. Von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit

Spiele Beispiel 4: BUNTE BILDER (für 2 Spieler)
Auf 9 Kärtchen befinden sich verschiedene bunte Bilder: eines hat lauter Schlangenlinien, ein anderes verschieden große Dreiecke und Vierecke, ein drittes sieht aus wie ein explodierender Erdball etc. Einer spielt eines von drei Bildern, der andere rät, dann Rollentausch.

Dieses Spiel, das übrigens zu den musikalisch ergiebigsten zählt, war zunächst als weitere Variante charakteristischen bzw. motivischen Improvisierens gedacht. Eine 9-jährige Schülerin malte gleich eine Menge weiterer Bilder und darunter fanden sich:

  • Hintergrund in zarten Regenbogenfarben, Vordergrund: ein schwarzes Knäuel
  • eine fette Spinne in einem Netz aus feinen bunten Fäden
  • Hintergrund: ausgefüllte Formen (Dreieck, Kreis, Quadrat etc.) in orange, Vordergrund: Formumrisse in lila
  • großer Ball, halb schwarz, halb rot, vor kleinen Pünktchen in rot und schwarz

Diese Bildchen sind perfekte Vorlagen für ein zweistimmiges Musizieren im experimentellen Stil: zwei verschiedenartige Strukturen werden einander gegenübergestellt.

4. Formempfinden

Die bisher beschriebenen Spielregeln haben allesamt vorwiegend zuständlichen Charakter: eine musikalische Idee wird aufgestellt und bleibt für kürzere oder längere Dauer bestehen. Die Veränderung von Musik in der Zeit aber gehört zu den wichtigsten Gestaltungsmitteln.

Kleine Formen entstehen aus einem offenbar intuitiven Formempfinden

Spiele-Beispiel 5: DER VOGEL (für 1-2 Spieler)
Ein Vogel fliegt von Baum zu Baum. Er kann sich großartig verstellen und singt auf jedem Baum in anderer Stimmung: traurig, fröhlich, frech, ärgerlich, müde, aufgeregt, gelangweilt… Was gibt es noch? Spielt den Vogel abwechselnd, der jeweilige Hörer rät, welche Stimmung gemeint ist.

Auch hier geht es um charakteristisches Spiel. Das Vorbild des frei vor sich hin zwitschernden Vogels kann aber darüber hinaus ein (unbewusstes) Verständnis für kurze musikalische Vorgänge auslösen, die vielleicht herkömmlicher melodiöser Art sind, vielleicht aber auch ganz anders: eher eine Fortspinnung motivischer Figuren, ein quasi sprechendes Spielen.

Größere Entwicklungsformen:

Spiele-Beispiel 6: VORGÄNGE DER NATUR
werden musikalisch dargestellt. Also:

  • Hinter einer Wolkenwand taucht plötzlich die Sonne auf
  • Gewitter und die Stimmung danach: der Geruch der Luft, die Ruhe…
    → beides: plötzlicher folgerichtiger Übergang von einer Situation in die andere
  • eine Kerze brennt herunter
  • eine Knospe blüht auf und verwelkt
    → beides:  monothematische Entwicklung
  • ein Jahr vergeht
  • aus einer Quelle wird ein Bach, ein Fluss, ein Strom, das Meer
  • eine Reise
    → alle drei: allmähliche graduelle Entwicklung)
  • Krimi-Musik
     beliebige Formprinzipien, die Konzentration liegt diesmal auf dem Spannungsverlauf)

Auch wenn ein Grundprinzip dieser Spiele darin besteht, dass die musikalischen Ergebnisse auf jeder Stufe überzeugen können (nicht müssen!), so findet doch gleichzeitig ein ständig weiterführendes Erschließen der Ausdrucksmöglichkeiten statt. Dass das so Erlernte sich auch positiv auf das Verstehen und Spielen traditioneller Musik auswirkt, sei hier nur am Rande erwähnt.
Der möglichen Gefahr stereotyper Klangergebnisse begegnen die Kinder übrigens selbst, indem sie immer wieder neue belebende Ideen in die Spiele einbringen (aus denen ein Lehrer oft Erstaunliches lernen kann, wie im Spiele-Beispiel 4!).

II.

Soweit zum Inhalt des Improvisierens. Ebenso wichtig für den Erfolg ist aber die Form, in der dieser Inhalt vermittelt wird. In meinem Klavierunterricht habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Kinder sich nicht in Improvisation unterrichten lassen wollen. Das Improvisieren ist so untrennbar verbunden mit Selbständigkeit und Freiheit, dass hier ein wirklicher „Lehrer“ eigentlich nichts zu suchen hat (im Nachhinein kann ich mir so auch einige Krisensituationen in Improvisationsgruppen erklären!). Die Form, die sich stattdessen bewährt hat, ist die des Spiels zwischen gleichberechtigten Spielpartnern. Zwar habe ich einen gewissen Vorsprung, da ich die Spiele kenne und daher immer wieder neue vorschlage. Das wird aber dadurch ausgeglichen, dass bei den vielen Gelegenheiten, wenn wir auf unser Spiele-Repertoire zurückgreifen, i.d.R. die Kinder bestimmen, welches Spiel wir machen. Wie wichtig eine solche Gleichberechtigung ist und wie sehr die Kinder diese wahrnehmen, wurde mir erst bewusst, als eine meiner improvisationsbegeistertsten Schülerinnen einmal zu mir sagte: „Du bist doch kein Klavierlehrer, sondern der Matthias!“

Wer sich auf solche Art des Spiels als Form eines Improvisations-„Unterrichts“ einlässt, muss allerdings die Gesetze beachten, die diese mit sich bringt:

  • Ein Spiel muss Spaß machen! Zu viele und zu komplizierte Regeln, vor allem zu viel technische Details, verhindern das. Vorgegebene Tonvorräte (es sei denn leichte, wie „nur weiße Tasten“ oder „nur schwarze“) oder gar Akkorde bzw. Begleitmuster werden daher von allen meinen Schülern abgelehnt (mit Erwachsenen mag das anders sein!).
  • Die Ansage muss kurz und möglichst konkret sein. Ratespiele beginne ich mit: „Ich spiele jetzt entweder oder und du rätst, was es ist!“ Dann will das Kind entweder auch spielen oder so lange weiterraten, bis es selbst den Entschluss fast, den Klavierpart zu übernehmen.
  • Wer kennt nicht diese Situation: Wir wollen ein uns bekanntes Spiel spielen, unser Spielpartner beharrt aber darauf, dies nach seiner Spielregel zu tun, die anders ist, als „wir es schon immer gespielt haben!“ Nein, nein und nochmals nein: so geht das nicht! So sehen es auch die Kinder. Wenn mein Lehrergewissen sich regt und ich eine bewährte Spielregel aus didaktischen Gründen („Das Kind soll doch etwas lernen!“) ändern will, treten sie in Streik. Änderungen, die wirklich den Spaß vermehren, werden allerdings akzeptiert  da herrscht ein feines Differenzierungsvermögen!
  • Fast nicht nötig zu erwähnen: Ein Spielverderber ist natürlich auch, wer mitten im Spiel den Lehrer markiert, indem er sagt, was der andere besser machen sollte.
  • Spiele werden nicht geübt, sondern gespielt. Bei Wettbewerbs-Spielen mag das anders sein, aber darum handelt es sich ja bei Improvisation nicht. Also braucht man als Lehrer Vertrauen darin, dass das Kind sich durch Spiele-Wiederholungen entwickelt. Rückschläge müssen natürlich durchgestanden werden, und manchmal muss man ein Spiel (zumindest zeitweise) absetzen, weil es zur Routine wird und so den anregenden Charakter verliert.
  • Vor allem aber braucht man als Lehrer einen großen Vorrat an guten Spielen, die sinnvoll aufeinander aufbauen bzw. sich gegenseitig ergänzen. Darin besteht nämlich das eigentliche Handwerkszeug, um eine sinnvolle Entwicklung der Schüler zu gewährleisten.
  • Zuletzt sei noch klargestellt: Wenn ich hier von Spiel rede, so deshalb, weil es eine angemessene (vielleicht die angemessenste überhaupt?) Form für das Improvisieren ist und seine Regeln daraus ableitet, nicht aber, weil ich es für eine praktische Verpackung

III.

Aus meiner bisherigen Beschreibung mag man den Eindruck gewinnen, dass ich Improvisation in traditionellen Stilrichtungen ablehne. Dem ist nicht so. Bei fast allen meinen Schülern besteht ein großes Bedürfnis nach melodischer und rhythmisch-metrischer Erfindung. Allerdings versuche ich dabei, die Erkenntnisse aus dem experimentellen Spielen auf das traditionelle zu übertragen. Das bedeutet im Einzelnen:

  • Die Spielregeln müssen einfach und überschaubar sein. Das gelingt, wenn ich technische Vorgaben durch Hören bzw. Erfahrungslernen ersetze. Also nicht: „Spiele die und die Töne zu dem und dem Akkord“ sondern: „Spiele Melodie zu meiner Begleitung und lass uns dabei gut aufeinander hören.“ Dadurch entfallen auch die so Angst machenden Begriffe von „falsch“ und „richtig“. Vielmehr geht es darum, Melodie-Töne, die das Kind als unpassend empfindet, „aufzulösen“, also einfach weiterzuspielen (allen klassischen Regeln zum Trotz), bis es mit dem Zusammenklang wieder zufrieden ist.
  • Das zweite Hilfsmittel zum Vermeiden technischen Ballasts wurde hier schon deutlich: das Spiel zu zweit. Indem ich den Begleitpart übernehme, kann sich das Kind voll auf die Melodie konzentrieren bzw. darauf, wie es melodisch auf die Begleitung (die ich im Laufe der Zeit harmonisch immer anspruchsvoller gestalte) reagiert. So ist auch ein Blues-Schema mühelos zu bewältigen, was als Solo-Aufgabe abgelehnt wird. Einige Kinder (nicht alle!) wollen irgendwann die Rollen tauschen, also selbst Begleitung spielen, und sind dann auch bereit, Akkordgriffe zu lernen (wenngleich ich auch sehr viel einfachere Begleitmodelle anbiete: Tonrepetitionen u.ä.).
    Allerdings ist der soziale Aspekt des Spielens zu zweit für die Kinder sehr wichtig. Deshalb haben viele kein Interesse am dritten Schritt, dem Spiel allein. Was ich gut verstehen kann, ich selbst improvisiere auch nur selten alleine!
  • Auch im traditionellen Stil sind assoziative Aufgaben hilfreich: die Karawane, die von weither kommt, an uns vorbeizieht und wieder verschwindet (das Bass-Motiv sind die Kamele, die müssen so stabil sein, dass sie die Reiter die darüberliegende Melodie  tragen können), oder der tropfende Wasserhahn (eine zugegeben uralte Idee) als Untergrund für eine Melodie usw.
  • Der beste Aufhänger aber ist gute Musik: ein „fetziger“ Begleitrhythmus reißt jedes Kind mit!
  • Gerade beim traditionellen Improvisieren ist die Versuchung groß, die Kinder zu korrigieren. Meine Beobachtung jedoch ist, dass die Kinder in den Improvisationen ihre Erfahrungen mit komponierten Stücken verarbeiten und sich so von alleine entwickeln, sofern ich ihnen die Zeit dafür zugestehe. Und ansonsten gilt auch hier, dass ein großer Vorrat an Spielregeln das beste Hilfsmittel ist, um ein Weiterkommen der Kinder zu gewährleisten.

Die erwähnten Spiele sind dem 1992 erschienen Klavierheft Schluckauf oder wie die Heuschrecke Klavierspielen lernte (1992) sowie dem 2. Band Wenn der Wasserhahn erzählt (1998, beides bei Bärenreiter, Kassel) entnommen. Allerdings ist dort Improvisation nur einer, wenn auch ein sehr wichtiger, von fünf Teilen des Inhalts.